Bundeskanzler und Bundestrainer – mehr gemein als gedacht
Ich bin immer noch begeistert von der Doku „Elf Helden – ein Albtraum“ über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 1994 von Manfred Oldenburg.
In der Doku wird auch erzählt, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl dem damaligen Bundestrainer Berti Vogts den Rücktritt ausredete. Reinhold Beckmann mutmaßte, dass Kohl ein gewisses Schutzbedürfnis für Vogts entwickelte, weil sich beide Persönlichkeiten ähnelten: Beide galten vielen als provinziell, wurden oft belächelt und unterschätzt.
In der Doku „Mission Sommermärchen“ wurde wiederum enthüllt, dass das DFB-Trainerteam um Bundestrainer Jürgen Klinsmann den Rat von Bundeskanzlerin Angela Merkel suchte. Hintergrund war das damals noch schlechte Bild der Nationalmannschaft und ihres Trainers in der Öffentlichkeit. Auch hier lassen sich Parallelen erkennen: Beide kamen von außen, beide wollten ein bestehendes System verändern. Klinsmann zog seine Ideen kompromisslos durch, Merkel wurde im Amt vorsichtiger und abwägender. Andererseits wäre sie ohne diese Eigenschaft wohl auch keine 16 Jahre Bundeskanzlerin geblieben.
Bundeskanzler und Bundestrainer sind die beiden Ämter in Deutschland, die am meisten in der Öffentlichkeit stehen und von den die meisten glauben es besser machen zu können. Beide stehen unter permanenter Beobachtung, beide müssen Erwartungen managen, Entscheidungen treffen und mit Kritik umgehen. Die einen vor Millionen Fernsehzuschauern, die anderen vor einer ganzen Nation.
Und Kohl, Vogts, Merkel und Klinsmann sind vermutlich nicht die einzigen Beispiele in der deutschen Geschichte.
Konrad Adenauer und Sepp Herberger etwa: Beide waren erfahrene Patriarchen ihrer Zeit, geprägt von großer Autorität und einer gewissen liebenswerten Kauzigkeit. Und beide blieben am Ende ihrer Laufbahn vielleicht etwas zu lange im Amt.
Oder Willy Brandt und Helmut Schön: Zwei Persönlichkeiten, die weniger über Autorität als über Vertrauen wirkten. Beide waren eher sanftmütige Charaktere, glaubten an die Mündigkeit der Menschen und waren bereit, Verantwortung abzugeben. Bei Brandt äußerte sich das in seinem Leitmotiv „Mehr Demokratie wagen“, bei Schön darin, dass die Mannschaft bei der WM 1974 bei der Aufstellung mitreden durfte und sich nach der 0:1-Niederlage gegen die DDR selbst maßregelte.
Gemeinsamkeiten zwischen Friedrich Merz und Julian Nagelsmann sehe ich auf den ersten Blick dagegen keine.